Alraunen
Alraune Samen - Mandragora zwischen Mythos und Pflanzenkunde
Kaum eine Pflanze ist so tief mit alten Legenden, Magie und geheimnisvoller Pflanzenkunde verwoben wie die Alraune. Seit Jahrtausenden fasziniert Mandragora durch ihre ungewöhnliche Gestalt: Über dem Boden bildet sie eine flache Rosette aus kräftigen Blättern, darunter verbirgt sich eine mächtige, oftmals verzweigte Wurzel, die mit etwas Fantasie an eine menschliche Gestalt erinnern kann. Genau diese Wurzel machte die Alraune zu einer der berühmtesten Zauberpflanzen der Alten Welt. Doch hinter den Geschichten von schreienden Wurzeln, Hexenkunst und magischen Kräften steht eine echte Pflanzengattung mit einer außergewöhnlich langen botanischen, medizinischen und kulturhistorischen Vergangenheit.
Mandragora - Alraunen zwischen Mittelmeer und Himalaya
Alraunen gehören zur Gattung Mandragora innerhalb der Familie der Nachtschattengewächse (Solanaceae). Zu ihren Verwandten zählen bekannte Gift- und Heilpflanzen wie Tollkirsche, Bilsenkraut und Stechapfel. Die Gattung umfasst mehrere Arten, deren Verbreitung vom Mittelmeerraum über West- und Zentralasien bis in den Himalaya reicht.
Die bekannteste Art ist die Gemeine oder Echte Alraune, Mandragora officinarum, deren natürliche Verbreitung im Mittelmeerraum liegt. Daneben gehören unter anderem die Himalaya-Alraune Mandragora caulescens und die seltene Turkmenische Alraune Mandragora turcomanica zur Gattung.
Typisch für Alraunen ist ihre bodennahe Blattrosette. Die großen, oft runzeligen Blätter wachsen direkt aus dem Wurzelbereich. Zwischen ihnen erscheinen glockenförmige Blüten, deren Farbe je nach Art und Form von grünlich oder gelblich bis violett reichen kann. Später entwickeln sich gelbliche bis orangefarbene Beeren, die ein wenig an kleine Tomaten erinnern.
Die geheimnisvolle Wurzel unter der Erde
Das berühmteste Merkmal der Alraune bleibt jedoch unter der Erde verborgen. Ihre kräftige, fleischige Pfahlwurzel kann tief in den Boden reichen und sich in mehrere starke Seitenwurzeln teilen. Durch diese Verzweigungen entstehen mitunter Formen, in denen Menschen Kopf, Arme und Beine zu erkennen glaubten.
Aus dieser Ähnlichkeit entstanden Namen wie Erdmännchen, Galgenmännchen, Alraunmännchen oder Zauberwurzel. Auch der deutsche Name Alraune besitzt einen geheimnisvollen Klang. Seine sprachgeschichtlichen Wurzeln werden unter anderem mit alten Begriffen für übernatürliche Wesen und heimliches Flüstern in Verbindung gebracht.
Eine Pflanze mit ungewöhnlichem Lebensrhythmus
Alraunen sind an die klimatischen Bedingungen ihrer Herkunftsgebiete angepasst. Besonders mediterrane Formen können während der heißen und trockenen Sommermonate ihre Blätter vollständig einziehen und eine Sommerruhe einlegen. Wenn die Temperaturen im Herbst wieder sinken und mehr Feuchtigkeit zur Verfügung steht, beginnt die Pflanze erneut auszutreiben.
Dieser Rhythmus wirkt für mitteleuropäische Gärtner zunächst ungewöhnlich: Eine scheinbar verschwundene Alraune ist deshalb nicht zwangsläufig abgestorben. Unter der Erde kann ihre kräftige Wurzel die trockene Jahreszeit überdauern und später wieder eine neue Blattrosette bilden.
Eine der ältesten Heilpflanzen der Kulturgeschichte
Die Geschichte der Alraune reicht weit über das europäische Mittelalter hinaus. Bereits in frühen Kulturen des Mittelmeerraums und Vorderen Orients wurde Mandragora als besondere Heilpflanze beschrieben. Überlieferungen aus der Antike berichten von ihrer Verwendung bei Schmerzen, Schlaflosigkeit und verschiedenen medizinischen Behandlungen.
Griechische und römische Ärzte beschäftigten sich intensiv mit der Pflanze. In historischen medizinischen Schriften wurde Mandragora unter anderem als beruhigendes, schmerzstillendes und betäubendes Mittel erwähnt. Über viele Jahrhunderte gehörte sie damit zum Arzneipflanzenschatz Europas und des Mittelmeerraums.
Mit zunehmender Verbreitung von Legenden und magischen Vorstellungen trat die medizinische Bedeutung jedoch immer stärker hinter ihrer Rolle als Zauberpflanze zurück. Aus einer real verwendeten Heilpflanze wurde nach und nach eine der sagenumwobensten Wurzeln der europäischen Kulturgeschichte.
Der Schrei der Alraune und andere Legenden
Wo eine Wurzel wie ein kleiner Mensch aussieht, waren Geschichten nicht weit. Besonders im Mittelalter schrieb man der Alraune die Fähigkeit zu, Glück und Wohlstand anzuziehen, vor Unheil zu schützen oder verborgene Dinge sichtbar zu machen. Alraunenwurzeln wurden zu begehrten Amuletten und tauchten in magischen, medizinischen und volkstümlichen Überlieferungen immer wieder auf.
Am berühmtesten ist die Legende vom Schrei der Alraune. Der Überlieferung nach sollte die Wurzel beim Herausziehen aus der Erde einen so schrecklichen Schrei ausstoßen, dass derjenige, der ihn hörte, sterben konnte. Um dieser Gefahr zu entgehen, entstanden fantasievolle Geschichten darüber, wie die Wurzel aus der Erde gezogen werden könne, ohne dass der Mensch selbst den tödlichen Schrei hören müsse.
Botanisch bleibt es selbstverständlich still im Beet - kulturgeschichtlich aber hallt dieser Schrei bis heute nach. Die Vorstellung von der lebendigen, menschenähnlichen Wurzel hat Literatur, Kunst, Volksglauben und moderne Fantasy gleichermaßen geprägt.
Zwischen Zauberwurzel und Giftpflanze
So faszinierend ihre Geschichte ist, Alraunen sind keine harmlosen Zauberpflanzen. Mandragora gehört wie Tollkirsche, Bilsenkraut und Stechapfel zu den giftigen Nachtschattengewächsen. Die Pflanzen enthalten wirksame Tropanalkaloide wie Hyoscyamin, Atropin und Scopolamin und dürfen nicht verzehrt oder zur Selbstmedikation verwendet werden.
Für botanisch und ethnobotanisch Interessierte liegt der besondere Reiz der Alraune deshalb in ihrer außergewöhnlichen Gestalt und ihrer vielschichtigen Geschichte. Wer Alraune Samen aussät, kultiviert eine Pflanze, bei der reale Botanik und jahrtausendealte Vorstellungskraft auf seltene Weise zusammentreffen - über der Erde eine unscheinbare Blattrosette, darunter jene sagenumwobene Wurzel, die Menschen seit Generationen zu immer neuen Geschichten inspiriert.